Das Stretchen von Pferden – Praxisanleitung Teil 1
Ist das Pferd noch nicht so weich und geschmeidig wie es wünschenswert wäre? Mit nur wenigen kurzen Übungen kann die Beweglichkeit des Pferdes sehr einfach trainiert und deutlich verbessert werden. Ganz nebenbei wird durch die richtige Anwendung dieser Übungen die Gesundheit des Pferdes gefördert.
Dabei geht das Ganze auch noch recht leicht: einfach eine Mohrrübe oder ein Leckerli zur Hand nehmen und damit das Pferd zum Strecken und Entspannen animieren.
Durch das regelmäßige Strecken der Muskeln des Pferdes werden nicht nur die Bewegungen beim Reiten verbessert, sondern es wird auch Verletzungen vorgebeugt. Egal ob man mit dem Pferd auf Turniere geht oder nur einen entspannten Ausritt durch die Natur plant: durch das Strecken der Muskeln wird das Pferd besser auf jede Situation und Anforderung vorbereitet.
Vorteile des Stretchen von Pferden
Das Stretchen von Pferden bringt beides: sichtbare und nicht sichtbare Vorteile. Es fördert die Sensibilität der Nervenenden in den Muskeln, der Sehnen und Bänder, welche alle dafür zuständig sind dem Kopf Informationen über die Bewegungen und die Positionen des Körpers zu geben. Kurz gesagt: die Eigenempfindung des Körpers (auch Propriozeption genannt) wird gestärkt.
Bei einer Verletzung beispielsweise ist das Eigenempfinden des Körpers von Schmerz und Lahmheit bestimmt. Der Körper versucht die Schmerzen zu vermeiden und setzt andere Muskeln ein, um den Körper zu bewegen. In diesem Fall hilft das Stretchen einen Ummodelungsprozess im Körper in Gang zu setzen, der die Schmerzen lindert und durch ein kurzes Stretchen von bereits 30 Sekunden erreicht werden kann. Wenn man sich mehr mit den Bewegungen des Pferden beschäftigt, wird ein Gespür dafür wachsen, wie sich das Pferd bewegt.
Vorbeugung gegen Krankheiten bei Pferden
Regelmäßiges Stretchen ist die beste Vorbeugung gegen Krankheiten, die man seinem Pferd geben kann. Dadurch, dass die Geschmeidigkeit der Muskeln und Bänder gefördert wird, können Verletzungen wie Bänderrisse vermieden werden. Es verbessert sich der Kreislauf, die Schmerzlinderung, Entzündungshemmung und Muskelkrämpfen wird vorgebeugt. Wenn Muskeln nicht genügend und richtig bewegt werden, geht es nur zu schnell, dass sie sich verhärten und verkleinern. Geschieht dies über eine lange Zeit hinweg, beginnen die Sehnen und Gelenke an den Knochen der Gelenke zu reiben, was große Schmerzen verursacht. Stretchen verlängert klein gewordene Muskeln und bringt sie zurück in ihre ursprüngliche Position. Dies entlastet die Gelenke und beugt damit unnötigen Schmerzen vor.
Wann sollte das Pferd gestretcht werden?
Am einfachsten gelingt das Stretchen, wenn das Pferd bereits ein wenig vorbereitet und warm ist. Stretchen eignet sich gut, um das Pferd auf das richtige Arbeiten vorzubereiten, jedoch sollte hierbei stets bedacht werden, dass wirklich nur bereits erwärmte Muskelpartien gedehnt werden dürfen. Folglich muss das Pferd zunächst etwas aufgewärmt werden, bevor das Stretchen losgehen kann. Longieren und einfaches Spazieren gehen eignen sich hervorragend.
Darüber hinaus kann das Pferd auch an bestimmten Muskelpartien massiert werden, um die Muskeln dadurch vorzubereiten. Weiterhin kann auch ein warmes Handtuch auf den Körper des Pferdes gelegt werden, um es so in diesem Bereich zu erwärmen.
Am einfachsten jedoch ist es, wenn das Pferd nach dem Reiten „gestretcht“ wird, da hier wirklich alle Muskeln aufgewärmt sind und damit das Stretchen unter diesen Bedingungen auch den größten Erfolg verspricht. Nach dem Reiten kann das Stretchen genutzt werden, damit das Pferd langsam wieder runter kommt und sich somit der Kreislauf wieder beruhigt. Stretchen nach dem Arbeiten ist daher am besten, da der Gefahr der Überdehnung der Muskeln vorgebeugt wird.
Vorsicht vor zu viel Stretchen
Wenn das Pferd auf das Stretchen vorbereitet wird, ist es wichtig, dass behutsam und geduldig vorgegangen wird. Das Pferd muss erst lernen, dass das, was da mit ihm geschieht auch wirklich gut für ihn ist und ihm gefallen kann! Wenn man langsam und vorsichtig an jede einzelne Übung herangeht, wird das Pferd Vertrauen aufbauen und dann auch mitarbeiten. Dieses Vertrauen des Pferdes muss unbedingt erreicht werden, da sonst die Muskeln nicht entspannen, sondern nur unnötig angespannt werden.
Es ist sehr wichtig, das die gestretchen Muskelpartien nicht überdehnen. Dies kann sonst zu Muskelkater oder gar Verletzungen der Sehnen und Muskeln führen und verfehlt das Ziel damit natürlich vollkommen. Auch sollte vermieden werden, dass das Pferd zu viel oder zu schnell „gestretcht“ wird. Daher hier eine kleine Liste mit Regeln, an die man sich beim Stretchen halten sollte:
- Mit nur leichten Stretch-Übungen beginnen: lediglich 75-80 % der totalen Dehnungsmöglichkeit des jeweiligen Körperteils ausnutzen und die gedehnte Position zunächst nicht länger als 10-15 Sekunden halten.
- Stets in die selbe Richtung dehnen, wie auch die Gelenke angelegt sind, so dass diese sich nur in Positionen befinden, die für das Pferd angenehm sind. Dreh- oder Seitwärtsbewegungen sind zu vermeiden.
- Niemals ruckartig an einem Körperteil des Pferdes ziehen. In diesem Fall wird das Pferd nur Widerstand leisten und alle Muskeln anspannen anstatt diese zu lockern
- Nur so lange an dem jeweiligen Körperteil ziehen, bis eine leichte Spannung zu verspüren ist.
Wenn das Pferd auf diese Weise an das Stretchen gewöhnt wird kann man damit beginnen etwas länger zu stretchen. Dennoch gilt: Eine gestretchte Position nie länger als eine Minute am Stück halten. Wenn das Pferd sich versteift sollte man nachlassen. Lässt das Pferd eine einminütige Dehnungsphase zu und ist dies bereits eine lange Zeit traniert worden kann man beginnen die Dehnungsphasen zu wiederholen. Die gleiche Dehnungsübung sollte aber nicht öfter als zei bis drei Mal wiederholt werden. Das ganze Ziel des Stretchens ist es die Muskeln zu dehnen, ohne dass das Pferd sie hierbei anstrengt oder sich versteift.
Pferdekrankheiten:
Gute Bedingungen zum Stretchen
Das Stretchen funktioniert nur, wenn das Pferd auch wirklich entspannt ist und sich voll auf das Dehnen einlässt. Es macht also wenig Sinn das entspannte Stretchen noch kurz vor einem Ausritt mit anderen Reitern einzuschieben, während diese schon ungeduldig um Ihr Pferd herum stehen und nur darauf warten endlich losreiten zu können.
Zum Stretchen eignet sich besonders eine ruhige Umgebung mit viel Platz. Daher sind Round Pens oder abgelegene Orte nahe des Hofes gut gewählte Plätze für das Stretchen. Wenn man gerade erst beginnt das Pferd an das Stretchen zu gewöhnen, wird es zunächst das Bein zurückziehen und zurücktreten weil es unsicher auf das Neue reagiert. Es sollte klar sein, dass dies zunächst eine normale Reaktion ist. Falls das Pferd sich anfangs also viel bewegt und herumtrippelt ist es wichtig viel Platz zu haben, damit man nicht an eine Wand gedrückt und so unnötig in Gefahr gebracht wird.
Beim Stretchen sollte das Pferd niemals angebunden werden. In diesem Fall ist nämlich das Stretchen der Vorderbeine besonders schwierig und das Pferd fühlt sich unnötig eingeengt. Wenn man sich unsicher vorkommt mit dem unangebundenen Pferd allein auf einem großen Platz zu stehen, sollte man dies mit einem Helfer machen, der das Pferd locker an einem Strick hält.
Verschiedene Arten des Stretchens
Es gibt zwei verschiedene Arten, wie das Pferd „gestretcht“ werden kann. Zum einen gibt es hier das „passive Stretchen“ welches vom Boden aus betrieben wird. Im Gegensatz hierzu gibt es das „aktive Stretchen“, welches vom Rücken des Pferdes ausgeführt wird. Anfangen sollte man natürlich mit dem passiven Stretchen.
Passives Stretchen des Nackens
Dieses Stretchen wird gerne auch „Mohrrüben Stretchen“ genannt, da man eine Karotte oder eine andere Leckerei benötigt, damit das Pferd auch eine Motivation hat seinen Nacken so weit zu dehnen. Um dieses Stretchen durchzuführen, muss das Pferd es bereits gelernt haben ein Leckerchen nur vorsichtig aus der Hand zu nehmen und nicht in die Hand zu beißen. Dieses Stretchen ist das einfachste und auch meist verbreiteste und eignet sich gut für Anfänger des Stretchens.
Seitliches Stretchen des Nackens
Man stellt sich auf die linke Seite des Pferdes, genau auf die Höhe des Widerrists, sodass man das Pferd anschauen kann. Zunächst sollte das Pferd das Leckerli, welches sich in der linken Hand befindet, erst einmal betasten, jedoch nicht essen. Dann wird die linke Hand in Richtung des Widerrists geführt, wobei die Nase des Pferdes dorthin folgen sollte.
Wenn das Pferd den Punkt erreicht hat, der die Maximaldehnung sein soll, bekommt es das Leckerli als Belohnung. Die Übung sollte mehrfach durchgeführt werden und dabei immer ein wenig weiter nach hinten in Richtung der Hüften gegangen werden.
Anschließend wir die Übung auf der anderen Seite wiederholt.
Wichtig bei der Übung:
Das Pferd muss stehen bleiben, sonst ist die Übung unproduktiv. Gegebenenfalls muss die andere Hand eingesetzt werden um das Pferd am Rücken festzuhalten.
Dies ist notwendig damit das Pferd nur seinen Hals, nicht aber seinen ganzen Körper dreht.
Und immer daran denken, wenn etwas nicht gleich klappt,
Ruhe und Geduld ist der Weg zum Erfolg!
Sicherheitshinweis: Wir weisen noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass die falsche Anwendung dieser Übungen sowohl für das Pferd als auch für den, der die Übungen anwendet, gefährlich und damit auch gesundheitsschädigend sein können. In keinem Fall darf dabei Gewalt angewendet werden. Wenn das Pferd ernsthafte Beschwerden hat, ist ein Tierarzt hinzuzuziehen. Die Übungen sind zur sanften Förderung der Beweglichkeit gedacht und nicht dazu Probleme zu korrigieren. Wenn man sich weitergehend mit dem Thema beschäftigen möchte sollte man eine Person hinzuziehen, die im Bereich Pferde-Physiotherapie ausgebildet ist.
Pferdestretching Praxisanleitung in 3 Teilen
>>> Pferdestretching Teil 2
>> Pferdestretching Teil 3
—Alle Angaben ohne Gewähr!—
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